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Zwischen Terror und Hoffnung

Kijan Espahangizi sprach an der KSR über die Lage im Iran. Der Historiker mit iranischen Wurzeln ist seit Jahren mit der Protestbewegung im Iran verbunden und wünscht sich einen Sturz des Regimes.

Das Plenum der Kantonsschule Rotkreuz wird am 10. März 2026 durch das gemeinsame Singen eines «Happy Birthday» für zwei Schüler eröffnet. Doch die festliche Stimmung schwindet schnell angesichts des ernsten Themas des Mittags: der Krieg im Iran. Als speziellen Gast begrüsst die Schule Kijan Espahangizi. Der bekannte Historiker mit iranischen Wurzeln, der an der Universität Zürich lehrt, gilt als Experte für die Geschichte des Irans, die Geschichte des Wissens und die Globalisierung. Luca Baumann, Lehrer für Wirtschaft und Recht an der KSR, startet mit einem kurzen Überblick über die aktuelle Situation. Am Samstag, dem 28. Februar 2026, kam es zu einem Angriff der USA und Israels, bei dem der oberste Führer des Irans, Ali Chamenei, sowie weitere hochrangige Regierungs- und Militärpersonen ums Leben kamen. Der Iran antwortete auf diesen Schlag mit Raketen- und Drohnenangriffen auf Israel und dessen Verbündete; in mehreren Golfstaaten wurden dabei zivile Ziele getroffen. Zudem griff die Hisbollah Israel an. Als Nachfolger Chameneis wurde dessen Sohn, Modschtaba Chamenei, proklamiert. Baumann spricht von der «Schwierigkeit der Einordnung» – ein Ausdruck, der hängen bleibt. Wie soll man einen Konflikt verstehen, der so tief verwurzelt und gleichzeitig so grausam aktuell ist? Das Besondere an dem Gespräch mit Kijan Espahangizi ist, dass es kein allgemeiner Vortrag ist. Die Fragen kommen direkt von den Schülerinnen und Schülern der Kantonsschule Rotkreuz. Das Thema wurde zuvor in jeder Klasse besprochen, sodass das Plenum präzise auf die Fragen zugeschnitten ist, welche die Jugendlichen beschäftigen. Dass Espahagizi «nur» per Videocall zugeschaltet ist, tut seiner Präsenz keinen Abbruch.

Das Gesicht des Terrors

Viele Schüler zeigen sich geschockt, als Kijan Espahangizi von den Ereignissen am 8. Januar im Iran erzählt. Millionen nahmen an landesweiten Protesten teil; selbst in kleinsten Dörfern gingen die Menschen auf die Strasse. Das Regime reagierte mit einem blutigen Massaker durch Panzer und Maschinengewehre. Mehrere tausend Personen kamen dabei ums Leben – manche Quellen sprechen gar von über 20000 Todesfällen innerhalb von zwei Tagen – und Tausende wurden verhaftet. Seit 47 Jahren ist dieses Regime an der Macht, welches seine Gegner mit Terror bekämpft und die eigene Bevölkerung brutal unterdrückt. Angesichts dieser Skrupellosigkeit betont Espahangizi: «Die schickten ihre eigenen Kinder in den 80er-Jahren auf Minenfelder – so ist dieses Regime.» Er erwähnt zudem die «Doomsday-Uhr» in Teheran, welche die Zeit bis zur Auslöschung Israels anzeigt. Auf die Frage, ob die Drohungen des Irans eine reale Gefahr darstellen, antwortet er deutlich: «Jemand, der Zehntausende seiner eigenen Bevölkerung abschlachtet, hat kein Problem, alle zu töten.»

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Kijan Espahangizi spricht zur versammelten Schulgemeinschaft. Bild: Thomas Heimgartner

Der Wendepunkt

Laut Espahangizi war es schon lange klar, dass es zu einem Krieg kommen würde. Das Fass zum Überlaufen gebracht habe der Angriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023, der massiv vom iranischen Regime unterstützt wurde und ohne das «Okay» aus Teheran wohl nie stattgefunden hätte. Auch der Hilfeschrei der Bevölkerung am 8. Januar habe zum Eingreifen der USA und Israels beigetragen. Die Situation im Land ist katastrophal: Die Wasserversorgung ist teilweise zerstört, und die Menschen leiden sowohl unter der Brutalität der Regierung als auch unter den internationalen Sanktionen. Laut Espahangizi hat die Bevölkerung die Hoffnung verloren, das Regime aus eigener Kraft stürzen zu können. Nur ein militärischer Eingriff von aussen scheine noch helfen zu können. Er stellt jedoch klar: «Der Krieg richtet sich gegen das iranische Regime, nicht gegen die Iraner.»

Die Rolle des Westens

Espahangizi kritisiert die Schweiz und Europa dafür, zu lange weggeschaut und einseitig auf Frieden gesetzt zu haben, obwohl das Regime offen die Auslöschung der westlichen Lebensweise forderte. Er fordert, dass Europa die iranische Bevölkerung aktiv beim demokratischen Übergang unterstützt. Reza Pahlavi, der Sohn des ehemaligen Schahs, möchte diesen Übergang anführen. Während die Bevölkerung ihm weitgehend vertraue, herrsche im Westen Skepsis. Viele Länder misstrauen ihm aufgrund der brutalen Herrschaft seines Vaters, Mohammad Reza Pahlavi. Zudem fehle Reza Pahlavi die formale Legitimation, da er nie gewählt wurde. Diplomaten fürchten zudem, dass eine zu frühe Unterstützung Pahlavis Aufstände jener Gruppen auslösen könnte, die eine parlamentarische Monarchie strikt ablehnen. Ohne einen allgemein akzeptierten Führer drohe nach einem Regierungssturz ein Bürgerkrieg wie in Syrien oder Libyen.

Zukunftsszenarien

Das schlimmste Szenario wäre laut Espahangizi ein halbherziger Abbruch des Krieges. Dadurch bliebe das extreme Machtungleichgewicht bestehen, das Regime könnte sich als Gewinner inszenieren und die Bevölkerung anschliessend noch brutaler unterdrücken. Sollte das Regime tatsächlich fallen, würden auch die Hamas und die Hisbollah ihre wichtigste Stütze verlieren. Da diese Gruppierungen ohne die finanziellen Mittel aus Teheran kaum überlebensfähig wären, würde ein Sturz des Regimes das Rückgrat des regionalen Terrors brechen.

Fazit

In seinem Schlusswort formuliert Espahangizi seinen Wunsch für den Iran: Er möchte, dass die Menschen dort die gleiche Freiheit geniessen können, die wir im Westen als selbstverständlich erachten. Er wünscht der Bevölkerung den gleichen Zugang zu Freizeitbeschäftigungen wie uns. Unter dem aktuellen Regime ist nicht nur Alkohol verboten, auch Musik war lange untersagt und Partys sind illegal – Einschränkungen, die für Schülerinnen und Schüler in Rotkreuz kaum vorstellbar sind. Die Reaktion im Publikum war deutlich zu spüren: Während am Anfang noch vereinzelt getuschelt wurde, herrschte zum Ende eine nachdenkliche, fast ehrfürchtige Stille. Viele Schülerinnen und Schüler blieben nach dem offiziellen Ende noch in der Aula sitzen, um das Gehörte zu verarbeiten. In den Gesichtern sah man weniger Angst als vielmehr ein neues Bewusstsein für den Wert der eigenen Freiheit, die an diesem Vormittag in ein ganz neues Licht gerückt wurde.

Sven Nyikos und Christopher Desiere, Redaktion KS Rundblick