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Austauschjahr in Kanada: Erfahrungen eines KSR-Schülers

Für Cyrill Jenny aus Cham ist sein Austauschjahr mehr als nur ein Ortswechsel. Zwischen einem anderen Schulsystem, neuen sozialen Strukturen und seiner Leidenschaft fürs Skifahren und Mountainbiken sammelt er wertvolle Erfahrungen und gewinnt neue Perspektiven.

Was ist der Hauptgrund, weshalb du ins Austauschjahr gegangen bist? Der Hauptgrund war, meine Sprachkenntnisse zu verbessern, eine neue Kultur kennenzulernen und natürlich auch Sport zu machen. Der Südwesten Kanadas, wo ich gerade bin, ist bekannt fürs Mountainbiken und Skifahren; zwei meiner grössten Hobbys.

Was ist bisher der grösste Unterschied zwischen der Schule in Kanada und der Schweiz? Die Schule hier ist kürzer. Sie beginnt um 8:45 Uhr und endet um 15.10 Uhr. Von 11.45 bis 12.30 Uhr haben wir Mittagspause. Ausserdem haben wir pro Semester nur vier Fächer, die wir jeden Tag haben. Es ist ganz anders als Schule in der Schweiz, weil es deutlich weniger akademische Fächer hat. Zusätzlich lernen wir etwas über die «First Nations» und machen auch ein wenig Fotografie.

Lernst du hauptsächlich Englisch oder nimmst du auch Wissen aus anderen Fächern mit? Englisch lerne ich vor allem im Alltag, wenn ich mit Freunden oder anderen Leuten rede. Im ersten Semester hatte ich auch eher «schlauere» Schulfächer wie «Literature Studies» und «Law Studies». Dort habe ich zum Beispiel etwas über das kanadische Recht gelernt. Im zweiten Semester habe ich SBBA (Ski Board Bike Academy). Dort lernen wir vor allem Dinge über die Natur, zum Beispiel über Lawinen und wie man sich in den Bergen richtig verhält.

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Cyrill Jenny und sein «Gasthund» bei eine Winterwanderung in British Columbia (CA). Foto: ZVG

Wie stark hat sich dein Englisch seit deiner Ankunft verbessert? Gibt es noch Bereiche, die schwierig sind, zum Beispiel Grammatik? Ich kann Englisch inzwischen viel flüssiger sprechen und mein Wortschatz hat sich deutlich vergrössert. Grammatik, Wortstellung und Zeitformen finde ich aber immer noch recht schwierig. Hier lernt man die Sprache nicht so bewusst wie in der Schweiz, sondern eher automatisch durch den Alltag und Gespräche.

Hattest du Bedenken wegen der Gastfamilie und sind sie nach der Ankunft verschwunden? Ja, ich hatte am Anfang schon Bedenken. Ich wusste nicht, ob wir gut zusammenpassen würden und ob das Zusammenleben funktioniert. Man lebt schliesslich zehn Monate bei Menschen, die man vorher noch nie getroffen hat. Bei mir hat es aber sehr gut funktioniert. Ich habe eine super Gastfamilie, ein schönes Zimmer, ein tolles Haus und nette Gastbrüder. Meine anfänglichen Bedenken sind komplett verschwunden. Ein paar Kollegen von mir hatten allerdings Probleme mit ihren Gastfamilien. Sie haben sich nicht wirklich verstanden und haben deshalb zu einer anderen Gastfamilie gewechselt. Danach hat es meistens besser funktioniert.

Was gefällt dir bisher am meisten an Kanada? Am meisten gefallen mir natürlich das Skifahren und das Mountainbiken. Das Skifahren hier ist ganz anders als in der Schweiz. Das Skigebiet ist nur etwa 30 Minuten mit dem Bus entfernt. Man fährt nicht nur auf der Piste, sondern viel im Gelände, und das ganze Gebiet ist lawinengesichert. Auch das Mountainbiken ist super: Es gibt mehr Trails, sie sind oft steiler und anspruchsvoller als bei uns und man hat kein «Theater» mit dem Waldgesetz. Ausserdem ist die Natur sehr beeindruckend. Man ist oft einfach irgendwo im Nirgendwo. Gleichzeitig hat unser Dorf Pemberton mit etwa 2500 Einwohnern alles, was man braucht, zum Beispiel einen Lebensmittelladen oder einen Optiker. Man muss für vieles gar nicht nach Whistler, die nächste grössere Stadt. Man hat in Pemberton viel mehr als in Cham, was erstaunlich ist. Die Natur wirkt sehr unberührt, weil hier viel weniger Menschen leben als bei uns.

Gibt es etwas, das du unterschätzt oder vorher nicht bedacht hast? Ich habe mir vorher ehrlich gesagt gar nicht so viele Gedanken gemacht. Ich habe einfach entschieden zu gehen. Die grosse Distanz nach Hause habe ich vielleicht etwas unterschätzt. Ich hatte zwar noch nie richtig Heimweh, aber 8500 Kilometer Entfernung und neun Stunden Zeitverschiebung sind schon speziell.

Was war bisher die grösste Herausforderung für dich? Die «Locals» haben ihre Freundesgruppen ja schon und leben schon lange hier. Sich da zu integrieren, ist nicht ganz einfach, funktioniert aber mit der Zeit recht gut. Die Leute hier sind generell sehr freundlich und hilfsbereit. Wenn man zum Beispiel einen Berg hochfährt mit dem Mountainbike und keine Lust mehr hat, kann man den Daumen rausstrecken und wird oft mitgenommen, wenn noch Platz im Auto ist. Eine kleinere Herausforderung war auch, die Ausrüstung zu organisieren, zum Beispiel Ski zu kaufen. Das war teilweise etwas stressig, weil ich nicht genau wusste, was ich nehmen soll und wann die Sales sind.

Würdest du ein Austauschjahr anderen Schülerinnen und Schülern empfehlen? Ich würde das Austauschjahr auf jeden Fall empfehlen. Es ist eine grosse Bereicherung. Man lernt eine neue Sprache oder vertieft sie und lernt viele neue Leute kennen. Ich habe nun Freunde aus Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien und natürlich Kanada. Es ist auch eine grosse Bereicherung für einen selbst. Man weiss nachher besser, was man gerne machen will. Ich weiss zum Beispiel, dass ich sicher mal etwas mit Skifahren machen will. Ich könnte mir gut vorstellen, dass ich hierher zurückkomme und Skipatrouille mache, wenn ich älter bin. Man lernt sich selbst besser kennen und ist auf sich allein gestellt. Man muss halt das Zimmer aufräumen oder nicht, je nach Gastfamilie, und es sieht entsprechend aus. Daheim wird eher vorgegeben, dass aufgeräumt werden muss, hier ist das lockerer. Ich muss auch mein Mittagessen selbst machen, vorher war ich in der Mensa. Es ist also wirklich super. Man lernt viel, sieht eine andere Kultur und lernt ein anderes Leben kennen.

Jan Rutschmann und Jonas Wigger, Redaktion KS Rundblick

Austauschjahr: Diese Bedingungen gelten an der KSR

Ein Austauschaufenthalt dient insbesondere dazu, sprachliche Fähigkeiten zu fördern, stärkt jedoch auch das Verantwortungsbewusstsein und das Selbstvertrauen. Nebst einem Auslandaufenthalt ist auch ein Austausch innerhalb der Schweiz möglich. Dieser wird ebenfalls als Beurlaubung vom Unterricht betrachtet und bedingt somit – wie alle anderen Formen des Austauschs – eine Bewilligung der Schulleitung. Auskunft zu den Rahmenbedingungen für einen Austauschaufenthalt gibt das entsprechende Merkblatt im Vademecum für Schülerinnen und Schüler. Die Organisation liegt in der Verantwortung der Familie. Die KSR empfiehlt jedoch den Beizug einer Austauschorganisation. Auch das Nacharbeiten des verpassten Unterrichtsstoffs muss eigenständig erfolgen. Zurzeit befindet sich von der Kantonsschule Rotkreuz lediglich eine Person in einem Austauschjahr. Schülerinnen und Schüler, die ein Austauschjahr planen, müssen ihr Gesuch bis Ende des ersten Semesters des vorangehenden Jahres einreichen. Die Rückkehr an die KSR muss zudem mindestens ein Jahr vor der Maturität erfolgen.