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«Heute ist mehr Leistungsdruck spürbar»

Urs Leisinger ist Chemielehrer und Prorektor der fünften und sechsten Klassen an der Kantonsschule Rotkreuz. Wir haben ihn zu seiner Arbeit als Prorektor und zu aktuellen Entwicklungen im Bildungswesen befragt.

Wie sind Sie zu Ihrem Job als Prorektor gekommen? Ui, das ist eine komplizierte Frage. Ich war längere Zeit Vertreter der Lehrerschaft an der Kantonsschule Zug. Wir diskutierten viel mit der Schulleitung und brachten Ideen ein. Manches funktionierte und manches nicht. Und schlussendlich entstand eine Situation, in der sich abzeichnete, dass es für eine freie Schulleitungsstelle wenig Bewerbungen aus der Schule gab. Ich fand es wichtig, ein paar Ideen umzusetzen, und dann habe ich mich beworben. Wichtig für mich war dabei, dass Jonas Briner bereit war, das im Jobsharing zu machen, weil ich nicht ausschliesslich Prorektor sein wollte.

Wie unterscheidet sich Ihre Arbeit als Prorektor von der eines normalen Lehrers? Gut, die Frage ist: Bin ich ein normaler Lehrer oder bin ich ein normaler Schulleiter? Im Ernst: Ich finde, es sind zwei sehr unterschiedliche Tätigkeiten. Die Schulleitungsarbeit ist extrem getaktet. Du musst einfach deine Arbeiten rechtzeitig erledigen, und bei vielen Aufgaben muss man nicht stundenlang überlegen, sondern man muss es einfach machen. Als Lehrperson hast du viel mit den Schülerinnen und Schülern zu tun. Wenn ich vorbereite, bin ich oft viel langsamer und muss vom kleinsten Detail bis zum grossen Ganzen alles selbst planen. Dann überlege ich mir die Sachen anders. Es ist eine andere Art und Weise, nachzudenken.

Was sind die grössten Herausforderungen als Prorektor? Das Zeitmanagement ist für mich eine wahnsinnige Herausforderung. Herauszufinden, wie viel ich machen soll. Wie viel investiere ich? Wo ist genug? Wo darf ich gar nicht mehr investieren, weil sonst alles andere aus den Fugen gerät? Wo muss ich mir etwas ganz genau überlegen?

Wie treffen Sie wichtige Entscheidungen für die Schule? Ganz unterschiedlich. Viele Entscheidungen entstehen im Gespräch. Man bringt eine Idee ein und jemand anders hält dagegen oder spinnt sie weiter, und dann merkst du: Da habe ich etwas noch nicht genau bedacht. Diesen Diskurs finde ich ganz, ganz wichtig. Und manchmal muss man auch wirklich nachgrübeln. Das Radfahren eignet sich beispielsweise unglaublich gut zum Nachgrübeln. Da kann man nichts anderes machen, als sich die Gedanken durch den Kopf gehen lassen.

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Urs Leisinger ist als Prorektor für die fünften und sechsten Klassen verantwortlich. (Foto KSR)

Was gefällt Ihnen an der Rolle als Prorektor am meisten, was am wenigsten? Mir gefällt wenn so ein Gemenge aus guten Ideen langsam zu etwas Brauchbarem wird, und man dann sieht, wie sich das entwickelt und wie da etwas Cooles zustande kommt. Oder auch solche Dinge wie die «Rumpelchischte» (Schultheaterprojekt; Anm. d. Red.). Das ist einfach toll. Da hineinzugehen und zu sehen, dass alles läuft und wunderbar funktioniert, und ich selber habe eigentlich nichts dafür machen müssen. Das finde ich sehr schön. Und was ich anstrengend finde: Es gibt Geschäfte, die kommen nicht vom Fleck. Weil man abhängig von so vielen anderen Leuten ist.

Was wäre ein aktuelles Beispiel für so ein Geschäft? Konflikte sind unangenehm. Oder wenn Krisen auftauchen. Da kann ich jetzt nicht direkt ein Beispiel nennen, aber wenn zum Beispiel Eltern schreiben, und du denkst dir: Ein Stück weit haben sie Recht und ein Stück weit haben sie auch nicht Recht. Und ein Stück weit kenne ich die Situation gar nicht und ich werde sie auch gar nie richtig kennen. Dennoch muss ich irgendetwas entscheiden.

Apropos Eltern: Finden Sie, dass die Eltern ihren Kindern heute mehr oder weniger helfen als früher? Ich glaube, es ist sehr individuell. Wenn sich ein Kind gerne helfen lassen will und das schätzt, dann ist das okay. Ich finde, es ist nicht so ideal, wenn sich die Eltern aufdrängen. Im Idealfall lassen die Eltern ihre Kinder «sausen», und die Kinder sind selbstständig genug, die Dinge selbst zu regeln. Irgendwann muss man ja lernen, für sich selbst Verantwortung zu übernehmen. Und warum nicht so früh wie möglich?

Haben sich Eltern früher weniger eingemischt und den Lehrern mehr vertraut als heute? Die meisten Eltern sind bei uns wenig präsent und mischen sich eigentlich auch nicht ein. Früher haben sich die Eltern auch dann nicht gemeldet, wenn es gar nicht gut lief in der Schule. Das ist ja auch nicht richtig. Die Differenzierung ist eine Gratwanderung. Gesellschaftlich ist es zweifellos so, dass sich die Eltern mehr um ihre Kinder kümmern. Das hat auch damit zu tun, dass die Familien kleiner werden. Wenn du fünf Kinder hast, dann kannst du gar nicht mehr alles kontrollieren, du lässt sie einfach rennen.

Ist der Leistungsdruck, den Kinder in der Schule haben, grösser geworden? Haben Kinder mehr den Wunsch, Sechser zu haben, an eine Universität zu gehen und Arzt zu werden als früher? Ich habe schon den Eindruck, es sei vermehrt so. Aber ich glaube, früher hat man das auch eher kaschiert. Als ich noch zur Schule ging, da war’s ganz heikel, gute Noten zu haben. Man musste schauen, dass das nicht allzu bekannt wird. Und Ehrgeiz durftest du nicht zeigen. Und das, glaube ich, ist schon anders jetzt. Man darf ehrgeizig sein. Aber das Leistungsdenken wird präsenter. Nicht nur im Schulischen, sondern auch was die eigene Erscheinung angeht, die Kleidung, das ganze Auftreten, da ist mehr Leistungsdruck spürbar als früher.

Was hat sich Ihrer Meinung nach, verglichen mit vor zwanzig Jahren, klar verbessert am Schweizer Schulsystem? Ich glaube, es hat sich sehr viel verändert. Das ist immer ein bisschen subjektiv. Man selbst verändert sich auch und nimmt Dinge anders wahr. Aber zum Beispiel glaube ich, dass die Schülerinnen und Schüler viel selbstbewusster geworden sind. Fordernder auch. Sie sagen, was sie wollen. Das kann problematisch sein, aber meistens empfinde ich es eher als konstruktiv. Plakativ gesagt: Früher haben die Schülerinnen und Schüler eher Mist gebaut im Hintergrund, um den Lehrern etwas auszuwischen. Heute kommen sie und sagen: «Das passt mir nicht.» Dann diskutiert man es. Das ist eine extreme Verbesserung.

Gibt es etwas, das sich ganz klar verschlechtert hat? Ja. Im Zusammenhang mit digitalen Geräten ist es schwieriger geworden. Schülerinnen und Schüler sind zum Teil wahnsinnig viel an den Geräten. Lehrpersonen teilweise auch.

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Lea Gmür im Gespräch mit Urs Leisinger (Foto: Jana Paulus)

Welche positiven Seiten hat die Digitalisierung? Wenn Schülerinnen und Schüler etwas nicht verstehen in der Schule, haben sie viel mehr Möglichkeiten, die Lücken zu stopfen. Und sie sind selbstständig. Sie müssen niemanden bitten, sondern sie können es selber machen. Das finde ich unglaublich gut.

Denken Sie, dass das Wissen der Lernenden über KI sie auf eine digitalisierte Zukunft vorbereitet, oder macht sie am Ende nur unselbstständiger? Dass alle unsere Schülerinnen und Schüler verblöden, habe ich im Moment gar nicht das Gefühl. Aber die langfristigen Auswirkungen auf einzelne Schülerinnen und Schüler können wir derzeit kaum abschätzen. Welche Aufgaben werden sich erübrigen und welche bleiben wichtig? Zum Beispiel habe ich eine Publikation gelesen, in der untersucht wurde, wie stark die Leute mit KI intellektuell nachlassen. Die haben wirklich festgestellt, dass das passiert, und zwar in dem Moment, wo man die anspruchsvollen Denkarbeiten auslagert an KI. Das scheint mir schon dramatisch zu sein. Wie können wir Schülerinnen und Schüler darauf vorbereiten? Sie müssen nicht mehr einfach Fakten lernen, sondern sie müssen lernen, sich selbst zu steuern und selber zu merken, wann es wichtig ist, dass sie etwas selber machen, und wann nicht. Und da gibt es noch viel zu tun.

Was sind Dinge, die man an der Schule ändern muss? Und woran werden wir erkennen, dass wir es erreicht haben? Ein Problem ist sicher das Mobbing. Ich finde auch die Sachbeschädigungen krass. Schön wäre, wenn wir es noch mehr schaffen würden, dass Schülerinnen und Schüler selber arbeiten können, und das wirklich auch engagiert. Dann kann man in weniger Zeit auch viel, viel mehr lernen. Und wenn die Schülerinnen und Schüler das Gefühl haben: «Ja, ich lerne etwas, und es macht auch Spass, und es ist anspruchsvoll, aber ich habe es gerne anspruchsvoll», das wäre so für mich ein bisschen der Traum. Dann wären wir am Ziel. Und natürlich auch, dass die Ausbildung dann auf das Leben passt. Also dass man später, wenn man von der Schule geht, findet: «Ja, das war jetzt nicht einfach verschwendete Zeit.» Und dann noch etwas Letztes: dass die Schülerinnen und Schüler es gut haben miteinander und dass das auch etwas ist, was sie ins Leben tragen, das fände ich schön.

Könnten Sie sich vorstellen, einmal keine Chemie mehr zu unterrichten und Rektor zu werden? Was denkt ihr?

Nein. Und warum nicht?

Weil Sie extreme Freude am Experimentieren haben und auch gerne mit der Klasse arbeiten – das merkt man im Unterricht. Und als Prorektor kann man Lehrer sein und hat die Möglichkeit, bei wichtigen Entscheidungen mitzureden. Ja, das trifft es genau. Es ist einfach interessant, mit den Klassen zu arbeiten. Natürlich läuft nicht immer alles perfekt, aber es ist der lustigste Teil meiner Arbeit und es tut mir selbst auch gut.

Lea Gmür, Jana Paulus, Aurelia Rosspeintner und Amira Wigger, Redaktion KS_Rundblick