«Wenn man KI gut nutzen kann, ist das sehr cool»¶
Künstliche Intelligenz verändert den Schulalltag zunehmend. Wir haben mit Prorektor Jonas Briner über Chancen, Risiken und den Umgang mit KI im Unterricht gesprochen.
In welchem Fach hätten Sie sich gerne als Schüler von einer Maschine ersetzen lassen? KI war bei uns noch kein Thema. So weit habe ich gar nicht gedacht. Aber wenn ich zurückdenke, kommen mir mässige Deutschaufsätze in den Sinn. Ich hatte lange einfach drauflosgeschrieben, ohne dass ich gross nachgedacht hätte. Entsprechend war es mir auch ein Rätsel, wie man gute Texte schreiben könnte. Dort wäre ich dankbar für eine KI gewesen.
Heute können sich Schülerinnen und Schüler ihre Hausaufgaben von KI lösen lassen. Was denken Sie, wie wird diese Hilfe in Ihrem Unterricht genutzt? Vermutlich stark. Ich befürchte, dass Hausaufgaben deshalb in vielen Fällen nicht so viel bringen. Die Haltung unserer Schule ist allgemein, dass bei uns viel im Unterricht stattfinden soll. So können wir dieses Problem in der Tendenz umgehen. Als ich selbst Schüler war, haben einige von ihren Kolleginnen und Kollegen abgeschrieben. Das war auch nicht besser, als sich einfach die Hausaufgaben von der KI erstellen zu lassen. Bei gezielt eingesetzten Hausaufgaben und Arbeitsaufträgen bei Abwesenheiten von Lehrpersonen habe ich aber schon die Erwartung, dass die Schülerinnen und Schüler diese selbstständig lösen. Das ist letztlich vor allem in ihrem Sinn. Sie lernen etwas – im Hinblick auf die nächste Prüfung und überhaupt.
Jonas Briner ist Geschichtslehrer und Prorektor an der Kantonsschule Rotkreuz. (Foto KSR)
Verschaffen sich Schülerinnen und Schüler beim Lernen mit KI eher einen Vorteil oder einen Nachteil? Ich denke, es kommt auf die Art an, wie sie KI nutzen. Wenn man beispielweise normal gelernt hat für eine Prüfung und sich dann mit KI abfragen lässt, finde ich das sehr nützlich. Ich habe das Gefühl, die Gefahr besteht darin, dass man denkt, man müsse nichts lernen und KI mache alles für einen. Zentral ist, dass man den Lernstoff versteht und sich merken kann. Dafür gibt es wichtige Lernstrategien und -techniken jenseits von KI, die helfen und mit welchen wir die Schülerinnen und Schüler vertraut machen möchten.
Wie können Sie Schülerinnen und Schüler noch motivieren, wenn sie für Aufgaben KI nutzen können? Das ist tatsächlich schwieriger. Ich denke, es ist sehr wichtig, dass die Schülerinnen und Schüler lernen, kreativ zu sein. Es geht in der Schule nicht nur um das Verstehen und Analysieren. Es geht auch um das eigenständige Produzieren, das Entwickeln von Ideen und Lösungsansätzen. Mit Kreativität meine ich nicht nur eine musische Kreativität, die sich beispielsweise beim Gestalten in Bildender Kunst zeigt, sondern auch Kreativität beim Schreiben von Geschichten oder beim Umgang mit komplexen Problemen in den Naturwissenschaften. Diese kreativen Prozesse dürfen nicht einfach an die KI delegiert werden. Sie sind später so wichtig im Berufsleben, aber auch beim Lösen von Problemen im Privaten oder in sozialen Konstellationen. Ich glaube, in der Schule braucht es immer wieder Sequenzen, bei denen die Schülerinnen und Schüler den Computer nicht nutzen können. Ebenfalls können wir den Wert von coolen, eigenständigen Ideen betonen.
Sie sind auch Prorektor an unserer Schule. Wie reagieren Schulen allgemein auf die Entwicklung von KI? Wir sind in einer Phase, in der noch sehr viele Unsicherheiten bestehen. ChatGPT entstand erst Ende 2022 und dreieinhalb Jahre sind bildungspolitisch eine sehr kurze Zeit. Üblicherweise gibt es bei neuen Technologien zwei Seiten. Die einen finden sie super und nutzen sie gerne. Die anderen reagieren mit Ablehnung. Mit der Zeit zeigt sich dann, dass die Technologien einerseits neue Möglichkeiten, anderseits aber auch Probleme mit sich bringen. Es gibt erst wenige Daten und Studien zur Wirkung von KI im Schulkontext.
Gibt es eine Möglichkeit, Prüfungen so zu gestalten, dass Schülerinnen und Schüler KI dafür nicht nutzen können? Ich arbeitete gerne mit offenen Projektaufträgen. Nun kann ich dies weniger tun, weil man bei diesen gut ChatGPT nutzen kann. Ich denke, wenn man einigermassen gut promten kann in Geschichte, kann KI in vielen Fällen helfen. Bei anderen Fächern kann ich es schwer einschätzen. Was ich als Geschichtslehrer künftig mehr machen möchte, ist, die KI gezielt zu nutzen mit den Schülerinnnen und Schülern. Sprich: Projekte so zu designen, dass KI darin eine produktive Rolle spielt.
Wann haben Sie das erste Mal gemerkt, dass Schülerinnen und Schüler aktiv Chat GPT nutzen? Das kam schnell. Schon Anfang 2023 wurde es genutzt. Mir fiel es stark bei Texten auf, die sie zuhause schreiben mussten. Plötzlich kamen Formulierungen, welche Schülerinnen und Schüler normalerweise nicht verwenden. Diese generische Sprache erkennt man schnell.
Als abschliessende Frage: Was ist in Ihren Augen die grösste Chance der KI und was ist das grösste Risiko an Schulen? Eine grosse Chance sehe ich darin, dass unglaublich viel Wissen und schlaue Gedanken so einfach für alle zugänglich sind. Wenn man das gut nutzen kann, ist das sehr cool. Früher musste ich schauen, dass ich den Schülerinnen und Schülern gute Informationen (interessant, relevant, korrekt, im passenden Anspruchsniveau) zukommen liess, damit sie gewisse Projekte realisieren konnten. Mit KI hat man umfassende Ressourcen an guten Informationen, die man produktiv nutzen kann. Auch deshalb, weil KI als eine Art persönlicher Tutor wirken kann. Die grosse Herausforderung ist, die Schülerinnen und Schüler dazu zu bringen, selbstständig und in Ruhe über Fragen, Problemstellungen und Herausforderungen nachzudenken. Und natürlich die Bewertung: Die ist bei KI oftmals schwierig, weil man nicht mehr weiss, was die Eigenleistung ist.
Valerija Dugandjic und Simona Hausheer, Redaktion KS_Rundblick
